Ab welchem Alter ist selbstständiges Reiten im Reitunterricht sinnvoll?

 

Selbstständiges Reiten im Reitunterricht ist tatsächlich aus entwicklungspsychologischer und pferdefreundlicher Sicht erst ab etwa 13–15 Jahren sinnvoll. Davor sind unter anderem Motorik, Feinmotorik, Balance, kognitive Reife, vorausschauendes Handeln, Risikoabschätzung sowie differenzierte Körperbewegungen noch nicht ausreichend entwickelt, um die komplexen Anforderungen des selbstständigen Reitens umsetzen zu können.

 

Warum nicht früher? (7-12 Jahre)

Kinder können in diesem Alter Sitz, Beine und Zügel noch nicht unabhängig voneinander einsetzen. Sie kippen häufig nach vorne, klemmen mit den Beinen und greifen zu unklaren oder zu harten Zügelhilfen. Das Pferd muss diese Unsicherheiten dauerhaft ausgleichen, was Stress, Missverständnisse und gefährliche Situationen erzeugt.

 

Gleichzeitig überschätzen sich Kinder stark. Sie wollen vieles allein machen, handeln impulsiv, stellen den Spaß in den Vordergrund und können Risiken oder Pferdeverhalten noch nicht realistisch einschätzen. Der Wunsch „Ich will alleine reiten!“ entsteht aus der natürlichen kindlichen Entwicklung, nicht aus echter Fähigkeit. 

 

Grundsätzlich kann man sagen: Selbstständiges Reiten ist erst dann sinnvoll, wenn ein Kind nicht mehr ausschließlich nach den eigenen Bedürfnissen handelt, also wenn nicht nur Tempo, Spaß oder „selber lenken“ im Vordergrund stehen. Zudem sollte das Kind zuvor durch viel Übung auf dem geführten Pferd einen ausbalancierten Sitz entwickelt haben.

 

Ich habe ganz am Anfang auch Kinder im Einzelunterricht selbstständig reiten lassen, dies jedoch eingestellt, da es die Kinder deutlich überforderte. Sie mussten an zu viele Dinge gleichzeitig denken, der Lernerfolg blieb aus und die Pferde zeigten klar, dass sie diese Situation stresst. Dieses Vorgehen ist daher weder kind- noch pferdegerecht.

 

Kinder können zwar schnell ein beachtliches theoretisches Wissen aufbauen, sind jedoch oft noch nicht in der Lage, dieses situationsgerecht in die Praxis umzusetzen.

 

Beispiel Putzen:

Kinder wissen, wie das Putzzeug heißt und wofür es verwendet wird. In der Praxis wenden sie es jedoch häufig zu grob oder zu zaghaft an. Sie hören auf zu putzen, sobald die Konzentration oder Lust nachlässt, und sind noch nicht in der Lage, gezielt die Körperstellen zu reinigen, die vor dem Satteln besonders wichtig sind. 

 

Beispiel Führen am Strick:

Kinder können Fehlverhalten bei anderen durchaus erkennen und benennen, etwa: „An dem Stall sind die nicht nett zu den Pferden und ziehen richtig am Strick.“

Im nächsten Moment ziehen sie jedoch selbst grob am Strick, um das Pferd zum Losgehen zu bewegen, und weisen dem Pferd die Schuld zu wenn etwas nicht klappt. Dieses Verhalten ist kein böser Wille, sondern Ausdruck fehlender Impulskontrolle und noch nicht ausgereifter Feinabstimmung von Kraft und Timing. Beim Pferd löst dies aber Stress aus.

 


Warum bieten viele Ställe frühen Unterricht trotzdem an?

Weil er sich wirtschaftlich lohnt. Gruppen mit vielen Kindern bringen mehr Einnahmen, auch wenn Kinder motorisch überfordert sind und Pferde darunter leiden. Kinder freuen sich, wenn sie „schon alleine reiten“, und wollen oft „wie die Großen“ sein. 

 

Die Folgen sind jedoch deutlich:

Kinder entwickeln falsche Bewegungsmuster, harte Hände und automatisierte Fehler, die später kaum korrigierbar sind. Sie werden für etwas „korrigiert", das sie entwicklungsbedingt noch gar nicht leisten können, da von ihnen erwartet wird, wie Erwachsene zu funktionieren. Das führt zu Frust, Unsicherheit und Angst, sodass viele Kinder das Reiten wieder aufgeben. Gleichzeitig werden Pferde überlastet, reagieren gestresst und die Unfallgefahr steigt erheblich.

 


Welche Pferdekurse sind für jüngere Kinder (bis 12 Jahre geeignet)

Es ist absolut sinnvoll, Kindern früh den Kontakt zu Pferden zu ermöglichen. Dieser stärkt ihr Selbstbewusstsein und Verantwortungsbewusstsein und fördert gleichzeitig Motorik, Balance und Körpergefühl. Beim Umgang mit Pferden lernen Kinder Empathie, Achtsamkeit und soziale Kompetenzen, da sie die Körpersprache und Bedürfnisse des Tieres erkennen und respektieren müssen. Zudem unterstützt der Kontakt zu Pferden die emotionale und psychische Entwicklung, indem er u.a. Sicherheit und Vertrauen vermittelt.

 

Diese Erfahrungen können Kinder in altersgerechten Spiel- und Erlebnisprogrammen mit dem Pferd sammeln, bei denen das Reiten eine untergeordnete Rolle spielt. So werden wertvolle Grundlagen für das spätere Reiten gelegt.


Sanfter Übergang: „Hybridreiten“ (ca. 11–12 Jahre)

Als nächsten Schritt haben wir das Konzept des Hybridreitens entwickelt,  als logischen, kind- und pferdegerechten Zwischenschritt zwischen geführtem Reiten und vollständig selbstständigem Reiten.

 

Ab etwa 11–12 Jahren werden Kinder dabei schrittweise an mehr Eigenverantwortung herangeführt. Zunächst hält die führende Person den Strick nur noch locker in der Hand, während das reitende Kind zunehmend selbst die Führung und Kontrolle übernimmt. In einem weiteren Schritt geht der Trainer ohne Strick nebenher, während das Kind selbstständig reitet.

 

So kann bei Bedarf jederzeit eingegriffen werden, und das Pferd muss sich nicht ausschließlich an einem Reitanfänger orientieren, der Körper und Hilfen noch nicht vollständig im Griff hat. Auf diese Weise werden weder Kind noch Pferd überfordert, und es kann eine feine, pferdefreundliche Reitweise erlernt werden. Anschließend empfiehlt sich eine Vertiefung im Einzelunterricht, bis der Übergang zum vollständig selbstständigen Reiten fließend gelingt.

 

Ist Longenunterricht als Zwischenschritt geeignet?

Longenunterricht ist für den Reiter grundsätzlich sinnvoll, da er eine gute Sitzschulung ermöglicht, ohne sich auf die Steuerung des Pferdes konzentrieren zu müssen. In der Praxis ist Longenunterricht jedoch in etwa 90 % der Fälle nicht pferdefreundlich. Das Pferd wird dabei oft zum reinen Sportgerät, die Arbeit ist monoton und viele Pferde sind körperlich nicht in der Lage, sich langfristig korrekt und schadfrei auf dem Zirkel zu bewegen.

      

Sinnvoller ist es, wenn der Trainer nebenher auf Distanz führt, sodass das Pferd zwischen geraden und gebogenen Linien wechseln kann und nicht dauerhaft auf einem Kreis läuft.

 


Ab wann kann man/mein Kind reiten?

„Reiten können“ zeigt sich nicht daran, welches Tempo geritten wird, sondern daran,

  • wie ruhig Hand und Sitz sind,
  • wie zufrieden das Pferd wirkt
  • und ob ein Verständnis dafür besteht, wie man das Pferd unterstützt und verbessert, auch in ungewohnten Situationen.

Festhalten und Festklemmen, um nicht herunterzufallen, ist keine Reitkunst.

 

Reiten ist ein lebenslanger Lernprozess. Auch ich nehme nach über 20 Jahren Erfahrung noch regelmäßig Unterricht und bilde mich durch Fachliteratur weiter.

 

Fazit

Geführtes Reiten und altersgerechte Übungen in Form von Spielen sind für jüngere Kinder möglich, während richtiges, eigenständiges Reiten erst später, ab etwa 13–15 Jahren, kind‑ und pferdegerecht ist.