Tierkommunikation statt Dominanz in der Bodenarbeit

Das Pferd darf entscheiden

Ljósi. Kraftvoll, aber sensibel.
Ljósi. Kraftvoll, aber sensibel.

Wie stellt sich eigentlich ein Pferd ein harmonisches Miteinander vor? Wie so oft, resultieren Schwierigkeiten aus Kommunikationsproblemen. Wieso also nicht das Pferd nach seiner Vorstellung fragen?

Seit längerer Zeit hatten wir das Gefühl, das Ljósi jetzt wieder bereit für Bodenarbeit wäre. Er ist ein sehr sensibler Wallach, der sich von jetzt auf gleich komplett im Umgang mit dem Menschen in der Bodenarbeit geändert hatte. Ljósi, der auf unsere Signale schon immer sehr fein reagierte, reagierte plötzlich komplett über. Das ist aber eine längere Geschichte. Jedenfalls hatten wir beschlossen erst mal zu warten, ob er sich von selbst wieder normalisiert, ohne ihn zu etwas drängen zu wollen.

 

Kürzlich hatten wir von Sarah Brehm Elemente der Liberty Methode kennen gelernt und hatten das Gefühl, dass sie gepaart mit anderen Übungen aus EponaQuest unserem Sensibelchen vielleicht gefallen könnte. 

Gespannt, wie Ljósi auf unseren „Bodenarbeitsmix a la Ljósi“ regieren würde, warteten wir bis er selbst bereit dazu war und Lust hatte mit uns zu arbeiten, d.h. wir deuteten an, etwas mit ihm machen zu wollen und als er freiwillig kam, zogen wir ihm langsam, ihm immer die Wahl lassend, dass er gehen kann, sein Halfter an.

 

Im Roundpen ließen wir ihn wieder frei und zogen uns erst mal an den Rand ausserhalb zurück, damit er sich erst an die Situation gewöhnen durfte, ohne dass wir gleich etwas von ihm forderten. Er stand eine Weile still und beobachte uns, und ging, nachdem nichts passierte, ins Abgrasen des Randes über. Wir warteten noch ein wenig, unterhielten uns und sahen ihm zu, ohne dem Druck des Beobachtens und genauen analysieren seines Verhalten, zu dem Pferdemenschen doch öfters neigten. Wir verbrachten einfach Zeit mit ihm, ohne etwas zu wollen.

Sanfte Begrüßung nach Art der Pferde

Erst dann betrat ich den Roundpen. Ich begann mit der Begrüßung, einer Mischung aus der Begrüßungsübung von Liberty und der Grenzübung von Epona. Von der anderen Seite des Longierzirkels ging ich aufmerksam auf Ljósi zu, sobald dieser die kleinste Reaktion zeigte blieb ich stehen und wartete, bis er sich an meine Anwesenheit gewöhnte. Würde er nicht wollen, dass ich näher kam, würde Ljósi sich wegdrehen und gehen, aber glücklicherweise war dies nicht der Fall. Mit großen aufmerksamen Augen lud er mich ein näher zu treten. Diesen Vorgang wiederholte ich immer wenn ich eine sogenannte energetische Grenze betrat, bis ich nur noch circa einen Meter von Ljósi entfernt, in seinem „persönlichen Raum“ stand. Ich streckte eine Hand aus, den Handrücken nach oben und Ljósi streckte sich zu mir, um daran zu schnuppern. Danach drehte ich mich um und ging wieder an den Rand des Roundpens, diese Geste sollte zeigen, dass ich erst mal nicht mehr von ihm wollte. 

Die Begrüßung: Ljósi streckt mir erfreut den Kopf entgegen.
Die Begrüßung: Ljósi streckt mir erfreut den Kopf entgegen.

Doch anders als erwartet übersprang der Wallach ein paar Übungen und folgte mir. Ich ging daher gleich zu einer Respektsübung über, bei der es darum ging, ihn ein paar Schritte vor mir her zu treiben. Das funktionierte auch gut, doch nachdem er ein paar Schritte gegangen war und die Übung eigentlich beendet gewesen wäre, drehte er sich unvermittelt um. Aus seiner Körperhaltung und seinen Augen las ich Neugier, aber auch Trotz und eine Mischung aus Angst, Unsicherheit und Wut.

Das würde interessant werden. Ich blieb ruhig stehen und vermittelte ihm, dass ich nichts mehr von ihm wollte, er entspannte sich, ohne dass mehr passierte. Bei Liberty gibt man den Pferden, nach jeder gelungenen Übung ein Leckerlie. Bei den ersten beiden Übungen hatte ich dies durch Loben ersetzt. Jetzt aber gab ich ihm eines. Nicht aus der Hand, sondern aus einer Schüssel, weil ich nicht möchte, das die Pferde unsere Hand mit Futter verbinden und unsere Partnerschaft auf Leckerlies gründet. Nachdem Ljósi seine Belohnung gefressen hatte, kam er auf mich zu und stampfte herausfordernd mit dem Huf auf den Boden, seine Körperhaltung war fast bedrohlich. Er forderte ein neues Leckerchen. Ich schenkte ihm keine Beachtung. Ab jetzt wird wieder mit Stimme gelobt, das funktioniert bei so feinen und intelligenten Pferden wie Ljósi scheinbar besser.

 

Die nächste Übung, ihn von einem Heueimer wegzutreiben, funktionierte einwandfrei, auch wenn ich seine unterschwelligen Gefühle jetzt deutlich spürte. Angst, Misstrauen, Unsicherheit und Trotz.

Unterwerfung, Dominanz oder das Pferd erzählen lassen?

Mit der nächsten Übung begann dann der spannende und interessante Teil. Und der Teil, bei dem eine Übung aus der EponaQuest Methode zum Einsatz kam.

 

Zunächst trieb ihn ähnlich wie beim Freilongieren im Schritt im Kreis (ein Spiel aus, vor mir und seitlich von mir). Nach wenigen Schritten drehte er sich zu mir in die Mitte, trat ein paar Schritte auf mich zu und blieb auf einer Grenzlinie stehen. Ich zeigte mit der Gerte auf seine Schulter und symbolisierte ihm so, er soll zurück auf den Hufschlag gehen und nicht näher kommen. Er legte die Ohren an und machte Drohgebärden, wie wildes Stampfen, Kopfschütteln und auf mich zu bewegen. Damit waren wir wieder an dem Punkt, an dem wir aufgehört hatten, mit ihm diese Form der Bodenarbeit zu machen. Dennoch überschritt Ljosi die Grenze zu meinem persönlichen Raum nicht, sondern blieb auf Abstand. Ich wusste, würde ich die Grenze überschreiten, würde er es auch tun.

 

Aber wie lange würde er noch genug Respekt haben, wenn ich jetzt nicht reagierte. Mir fielen zwei Möglichkeiten ein. Zum einen die klassische Methode, dem Pferd mit Dominanz zu begegnen und ihn wieder unterzuordnen. Praktisch gesehen hieße dies, ihn wieder auf den Hufschlag zu schicken und jedes Mal, wenn er Anstalten machte in die Mitte zu kommen, oder Drohgebärden zu machen, mit der Gerte zu wedeln. Das würde einwandfrei funktionieren, da Ljósi sehr gut auf Signale reagierte, doch wenn ich nicht nach der Ursache für sein Verhalten suchte, würde jede Bodenarbeitseinheit bis zur „Unterwerfung“ in einem Machtkampf enden. So wollen wir mit unseren Pferden nicht umgehen.

Angelegte Ohren, drohende Haltung, provokantes Herumtänzeln
Angelegte Ohren, drohende Haltung, provokantes Herumtänzeln
Näher darf er mir jetzt nicht kommen, denn sonst überschreitet er meine Genze
Näher darf er mir jetzt nicht kommen, denn sonst überschreitet er meine Genze

Gemeinsame Lösungssuche, das Pferd nach Ideen fragen

Damit wären wir auch schon bei der zweiten Möglichkeit, dem Pferd zuzuhören und die Ursache für sein Verhalten suchen. Ich probierte es mit der Epona Übung „Verkörpere das Ziel“. Ich schloss die Augen und machte einen Bodyscan. Dieser dient dazu die Weisheit des Körpers mit einzubeziehen, denn Pferde kommunizieren über den Körper. Dann visualisierte ich das Ziel eines harmonischen und zufrieden im Kreis gehenden Ljósis und schickte Ljósi diese Visualisierung mit der Frage, ob er einen Vorschlag hat, wie wir dieses Ziel erreichen. Beinahe sofort antwortete Ljósi, indem er mir Bilder schickte. Ich schwebte kurz über einer Wasseroberfläche, um mich herum erstreckte sich das Meer glatt und ruhig bis zum Horizont. Ich fühlte mich frei und der „Raum“ den ich benötigte dehnte sich bis ins unendliche, gleichzeitig tauchten die Worte „ohne Druck“ vor meinem inneren Auge auf. Okay, das war eine klare Antwort und passte zur Situation.


Vorsichtig und ohne Druck schickte ich Ljósi los, er wirkte schon viel entspannter. Ich erhöhte die Energie leicht, um zu testen, wo seine Grenze war. Als ich es übertrieb, blieb mein Pferd wieder stehen, kam in die Mitte und drohte mir. Der gleiche Vorgang wie vorher.

Hier sieht man  deutlich, wie ich mich in den "Raum" des Pferdes lehne. Zu viel für das sensible Pferd, es reagiert mit Ohren anlegen, und Buckeln.
Hier sieht man deutlich, wie ich mich in den "Raum" des Pferdes lehne. Zu viel für das sensible Pferd, es reagiert mit Ohren anlegen, und Buckeln.
Ich lehne mich wieder zurück, Ljósi entspannt sich sofort.
Ich lehne mich wieder zurück, Ljósi entspannt sich sofort.

Ein Tanz aus Anspannung und Entspannung

Statt ihn zurück auf den Hufschlag zu schicken, lehnte ich mich zurück, gab ihm Raum und rief das Gefühl des unendlichen freien Raumes auf dem Meer hervor. Augenblicklich hörte Ljósi auf zu stampfen und stellte seine Ohren wieder auf. Dann senkte er den Kopf. Dieser Moment war so unglaublich, mir blieb der Atem weg. Unabsichtlich lehnte ich mich wieder vor und mein Pferd riss angespannt den Kopf hoch. Drohte. Ich trat wieder zurück und er entspannte sich in der selben Sekunde. Diesen Tanz aus Anspannung und Entspannung wiederholte ich ein paar Mal, dann probierte ich es in Bewegung. Hier war es das selbe, Ljósi reagierte auf den hingegeben Raum sehr zufrieden. Wenn ich das Gefühl hielt, welches er mir geschickt hatte, konnte ich ihm  nahe kommen und  ihn zu streicheln.

Vertrauensvoll kann ich mich wieder vor seine Hufe knien, die vorher wild um sich getreten hatten und ihn streicheln.
Vertrauensvoll kann ich mich wieder vor seine Hufe knien, die vorher wild um sich getreten hatten und ihn streicheln.

Rief ich aber die Einstellung (natürlich übertrieb ich ein wenig, um deutliche Reaktionen zu bekommen) hervor „Wir gehen jetzt hier ein paar Runden Schritt, dann Trab und du musst mir gehorchen“, dann blockierte er total und bekam Stress. Mit einem harmonischen Moment, bei dem Ljósi mir kauend, leckend und mit gesenkten Kopf folgte, beendete ich die Einheit. Meine Finger kribbelten noch vor Aufregung, so viel hatte ich heute von meinem Pferd gelernt und Puzzleteile hatten sich in meinem Kopf zusammen gesetzt.

Meine Vermutungen darüber wie sensibel mein Pferd wirklich ist wurden bestätigt.

 

Spannend, was unsere nächste Stunde für Überraschungen mit sich bringt. 

Ich lade Ljósi ein mir zu folgen....
Ich lade Ljósi ein mir zu folgen....
Hier möchte ich Ljósi motivieren, über die Stange zu treten...
Hier möchte ich Ljósi motivieren, über die Stange zu treten...
Ich lade ihn mit der Hand ein mir über die Stange zu folgen. Auch wenn es anders scheint, man braucht keine Lekerlies, um ein Pferd zu motivieren. Wenn es komplett freiwillig etwas tut, kann ich sicher sein, dass es auch wirklich Spaß daran hat.
Ich lade ihn mit der Hand ein mir über die Stange zu folgen. Auch wenn es anders scheint, man braucht keine Lekerlies, um ein Pferd zu motivieren. Wenn es komplett freiwillig etwas tut, kann ich sicher sein, dass es auch wirklich Spaß daran hat.
Ljósi ist jetzt so entspannt, dass er seinen Kopf senkt, kaut und die Augen schließt. ein perfekter Abschluss.
Ljósi ist jetzt so entspannt, dass er seinen Kopf senkt, kaut und die Augen schließt. ein perfekter Abschluss.

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Kommentare: 1
  • #1

    Karolina (Montag, 17 Oktober 2016 17:06)

    Liebe Andrea,
    ein toller Beitrag! Man kann beim Lesen richtig die Entwicklung innerhalb der Trainingseinheit nachvollziehen und deine Beschreibung der Entspannungsübungen haben mich auch beim Lesen total entspannt. Kein Wunder, dass dein Pferd (das übrigens total niedlich ist <3) sich gleich viel wohler fühlte.
    Ich kannte deinen Blog noch gar nicht und bin eher zufällig auf dich gestoßen. Von nun an werde ich aber öfter vorbeischauen! :)
    Viele Grüße
    Karo